Handorf ist nicht Hollywood - aber der Dreh im Ziegenhof ist fast so professionell wie dort

Sie eignen sich Medienkompetenz an: Sebastian Matthes (r.) und Jochen Kaufmann (2.v.r.) interviewen Alexander Kraus. [Foto; FH]
Hin und her. Der Blick geht vom Blumentopf zurück zum Display der Kamera. Die Grünlilie muss ein paar Zentimeter nach links. Jochen Kaufmann dreht die Pflanze noch ein bisschen. Jetzt ist alles perfekt. Kopfkino kann endlich zum Realfilm werden. Aufnahme.
„Er ist halt der Mann fürs Detail", sagt Sebastian Matthes über seinen Kommilitonen, halb stöhnend, halb schmunzelnd. Die beiden Studenten der Fachhochschule haben den Hörsaal gegen ein Wohnzimmer getauscht.
Videobeiträge erstellen
„Aufbau einer Lehr-Lern-Redaktion und Erstellung von Videobeiträgen zu sozialen Themen für einen Ausbildungs- und Erprobungskanal NRW" lautet der Titel des Seminars, der sie zum Dreh in Münsters Osten geführt hat. Wahrlich kein Titel für einen Blockbuster. Doch Handorf ist auch nicht Hollywood.
Redaktion im Aufbau
Eine Lehr-Lern-Redaktion ist die Antwort, die sich die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen selbst gab, als sie Ende 2008 die Offenen Kanäle einstellte. Die Idee des Pilotprojektes: Institutionen wie Hochschulen erstellen halbprofessionelle Beiträge, die dann im „TV-Lernsender.NRW" über das digitale Kabelnetz empfangbar sind. Eine dieser Redaktionen baut Prof. Dr. Bernward Hoffmann gerade am Fachbereich Sozialwesen auf. „Angehende Sozialarbeiter eignen sich hier Medienkompetenz an", erklärt der Hochschullehrer das Ziel. „Diese können sie später im Beruf etwa in der Arbeit mit Jugendlichen einsetzen." Daher sei die Ausstattung der Redaktion kaum mit der eines Hobbyfilmers zu vergleichen. Im Gegenteil: „Unsere Beiträge sollen Inhalte vermitteln, die sich sehen lassen können."
Studioatmosphäre
Und so ist das Zimmer, das zur Wohngruppe „Ziegenhof" des Kinder- und Jugendheimes Vinzenzhof gehört, in ein gleißendes Licht getaucht. Studioatmosphäre. Alexander Kraus, Kommilitone und Interviewpartner für einen Tag, sitzt vor der Schrankwand drapiert. „Bei der Arbeit hier kann ich anwenden, was ich ... blablabla." Faden verloren. Klappe.
Wie bei Uli Hoeneß
Seit gut vier Monaten lernen die Studierende in Hoffmanns Seminar in Theorie- und Praxisblöcken den Umgang mit dem teuren Equipment. „Ich schaue mittlerweile viel aufmerksamer fern", bestätigt Kaufmann. Sendungen seien keine unbewusst vorbeirauschende Bilder mehr. Plötzlich gebe es für ihn einen Unterschied zwischen Totale und Naheinstellung, zwischen Zoom und Schwenk. „Und wir finden reichlich Inspirationen für unseren Film." Pate für das Portrait über den Studenten, der sein Praxissemester im Ziegenhof absolviert, stand so ein Interview mit Bayern München-Präsident Uli Hoeneß. Profil, frontal, Profil, frontal - schnelle Einstellungswechsel sollen den späteren Beitrag prägen.
Matthes lümmelt lässig auf der Couch. Der große Kopfhörer macht seinen Hip-Hopper-Stil perfekt, heute gehört er jedoch zu seiner professionellen Ausstattung. Der 24-Jährige ist Regisseur, Redakteur, Interviewer.
Bürgergruppen liefern Beiträge
Fernsehinteressierte Bürgergruppen und die im Moment in allen Teilen des Landes entstehenden Lehr-Lern-Redaktionen - 13 fördert Landesanstalt für Medien NRW derzeit - liefern bereits Beiträge für den Sender, der seine Heimat an der Universität Dortmund hat. Dort betreut ein Team aus professionellen Medienmachern und Journalistik-Studierende das Programm. Das Ziel ist groß: In Zukunft sei vielleicht sogar ein regelmäßiges Magazin aus der Fachhochschule Münster denkbar. Der Medienpädagoge holte sich deswegen mit Sven Mörth einen gelernten Mediengestalter und diplomierten Medienwissenschaftler an die Hochschule.
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